Vollgesogen mit der ganzen Vielfalt von Sinneswahrnehmungen, die sich aus den intensiven Bildern, Lichteindrücken, Gerüchen und Geräuschen des damals noch halbwegs intakten Allgäus ergaben und behaftet mit dem Vorteil einer glücklichen Kindheit, kam ich als 10-jähriger Anfang der fünfziger Jahre nach München.
Die Kollision mit der Großstadt war heftig, und als ich 14-jährig eine brennende Voralpenkette malte, war das Verständnis gering ,
das man dem Bild entgegenbrachte. Auch im Zeichenunterricht in der Schule löste ich bei einem Lehrer durchein phantasievolles Bild Verwirrung aus,
und er ließ mich das Blatt mit dem Thema "Jagd" nochmals malen, um zu beweisen, dass ich die seltsamen Fabelwesen irgendwoher kopiert hätte. Als die zweite Version des Bildes fertig war, sah er, dass das Motiv meinem Kopf entsprungen war. Beste Erinnerungen habe ich an den Zeichenunterricht mit einem Lehrer namens Emil Scheibe, einem heute sehr bekannten Münchener Maler. Als aktiver Künstler hatte er natürlich eine weit offenere Art, die Phantasie und das Können seiner Schüler zu beurteilen. Der Kunstunterricht war auch das einzige, was mich in der Schule wirklich interessierte, und so verließ ich sie drei Jahre vor Abschluß und zwar mitten im Englisch-Unterricht. Für mich war der Schulaustritt ein erster großer Schritt in Richtung Freiheit. Ich experimentierte damals zum ersten Mal mit Ölfarben, und die surrealistischen Bilder aus jener Zeit waren schlecht, aber mit großem Anliegen gemalt.
Dennoch, der Drang zur Kollisionsdarstellung zog sich in der nachfolgenden Zeit als Grundthema durch meine Bilder. Wenn auch die malerischen Fähigkeiten noch nicht so sehr ausgebildet waren, ich wusste, was ich darstellen wollte und musste.
Nie hat eine Generation, wie jene der zwischen 1930-1950 Geborenen, eine derartig radikale Umweltveränderung erlebt: während ich in der Kindheitserinnerung durch blumige Wiesen wandere, die Heuschrecken schauerartig auseinandertreibend, an Kornfeldern und Kartoffeläckern vorbei, gehe ich heute über fünfmal im Jahr gemähte, bereinigte, blumenlose Wiesen. Grüne Einfalt soweit das Auge reicht, keine Heuschrecken, keine Grillen, Vogelarmut. Im Grunde ähnlich einem viehwirtschaftlich genutzten englischen Garten. Die kleine Moorseen sind verdreckt und biologisch krank, große Milchseen und riesige Butterberge sind die viel zu großen Erträge der ausgequetschten Landschaft.
In den sechziger Jahren wurde mein Berufswunsch, Grafiker zu werden, abgeschmettert, mit dem Argument, in München gäbe es neunhundert Grafiker und zwanzig davon würden nur satt. Eine materialistische Zeit des Karrieredenkens. Statt dessen machte ich eine Lehre im Bereich der Reproduktionstechnik und stand, um kreativen Ausgleich bemüht, mit dem Saxophon in vielen Jazz-Lokalen auf der Bühne und hatte bei den endlosen Improvisationen zum zweiten Mal dieses tiefe Freiheitsgefühl.
Ich geriet (nach verschiedenen Ausbildungen) in einen Berufstrott, der mich langsam kaltzustellen drohte. Mit Hilfe der Extremsportart Drachenfliegen rettete ich mich von Wochenende zu Wochenende und schlich Montag früh, in Gedanken fliegend, halb betrunken zur Arbeit. Das Flugerlebnis, den dauernden Zusammenprall von Angst und Euphorie, zu beschreiben, ist mir kaum möglich, jedoch vermittelte es mir zum dritten Mal dieses allumfassende Freiheitsgefühl. Nach neun Jahren Bürotätigkeit kündigte ich und ich wusste, alles und jedes, was jetzt käme, würde besser als das Gewesene sein. Ich konnte ein paar Tränen der Vorfreude nicht zurückhalten. Der Alkohol hatte mir bis dahin schwer zu schaffen gemacht. Ich stand genial in den Kneipen herum und hatte meine Bilder im Kopf, aber nicht auf dem Papier. Ich konnte sie ja auch nicht auf das Papier bringen, der nächste Tag war ja jedes Mal kaputt. Am 1. Oktober 1980 trank ich mein letztes Glas. Zum vierten Mal fühlte ich mich ein Stück freier. Jetzt öffnete sich langsam der Weg für eine intensivere Malerei. Meine Vorgabe lautete: endlich meine "inneren Bilder" in Ruhe zu Papier zu bringen und schlecht und recht davon leben zu können. Oft sehe ich spontan diese "inneren Bilder", von denen ich weiß, diese Szene genauso schon einmal erlebt zu haben, oft verbunden mit Geruchswahrnehmungen und Stimmungsassoziationen. Ich fühlte mich immer weniger eingeengt, entwickelte meinen Arbeitsrhythmus und malte 1981 das Bild: "Endlich frei"!
Mit dem Drachenfliegen hatte ich damals aufgehört, es war nicht mehr nötig. Ich habe heute das gleiche Gefühl, wenn ich mit einem neuen Bild beginne, wie damals vor dem start mit dem Drachen. Ich brauche dieses Fluggefühl nicht mehr, ich male - es ist dasselbe.
Jetzt lebe ich in drei immer wiederkehrenden Phasen: nach Vollendung eines Bildes betrete ich das Atelier tagelang nicht mehr, entspanne und bin für alle nicht-malerischen Dinge offen. In Phase 2, die lange dauern kann, bin ich etwas geistesabwesend, Glas geht zu Bruch, Alltagsfehler unterlaufen, und ein Motiv reift heran. Dann die dritte Phase: ich habe das neue Bild im Kopf, fertige eine kleine Aquarellskizze und freue mich auf die Ausführung. Dann sitze ich frühmorgens in der Dämmerung bei Kaffee und Zigaretten und freue mich gespannt auf die Arbeit, wie jemand fiebert, der aufbricht zu einer Reise in ein Land, das er nur aus Erzählungen kennt.
Meine Maltechnik ist schwer zu beschreiben. Grundsätzlich arbeite ich mit Acrylfarben und baue das Bild vom Hellen ins Dunkle mit dünnen Scheiben lasierend auf, wobei das wiederholte entfernen von Bild- und Lichtpartien eine entscheidende Rolle spielt. Der Malgrund ist eine mit einer Spezialfarbe grundierte Hartfaserplatte.
Ich möchte mit meinen Bildern den Betrachter nicht, wie es bei der elitären Kunst oft der Fall ist, ausgrenzen, sondern ihn einfangen, wobei er sich selbst ein Bild vom Bild machen soll. Die für mich bewegendsten Reaktionen eines Betrachters auf meine Bilder waren: "Seit ich Ihre Bilder gesehen habe, schaue ich überhaupt erst Bilder an". Welch ein Ausspruch in einer Zeit desensibilisierten Sehvermögens und überdimensionaler Bilderflut.
Hans-Werner Sahm
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